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 Ein Leben für den Rugbysport Ein Leben für den Rugbysport

Bremen. "Wenn Du den Ball hast, lauf einfach bis zur Mal-Linie und lege ihn dahinter ab." Bernd Hünerkoch hörte den gut gemeinten Ratschlag und tat kurz darauf, wie ihm aufgetragen wurde. Ohne Regelkenntnis legte er in seinem ersten Rugbyspiel überhaupt gleich zwei Versuche und erntete überdies große Anerkennung, als er einem Gegenspieler quer über den Platz hinterher sprintete und ihn kurz vor der eigenen Mal-Linie noch stoppte.

"Das war ein ganz spezieller Augenblick", sagt Bernd Hünerkoch heute. Ein Schlüsselerlebnis, das sich zudem nicht auf einem Sportplatz um die Ecke, sondern in England, dem Mutterland des Rugbysports, ereignete. Hünerkoch, gebürtiger Bremer und damals Lehramtsstudent in Mainz, arbeitete 1964 für ein Jahr als Lehrerassistent in Kingswinford, einem 3000-Seelen-Dorf in der Nähe von Birmingham. "Ich wollte dort eigentlich Fußball spielen, aber es gab keinen Verein. Deshalb hat mich ein Kollege mit zum Rugby genommen." Es sollte der Beginn einer großen Leidenschaft werden.

Die Faszination Rugby - sie hat Bernd Hünerkoch seither nicht mehr losgelassen und sein Leben in den zurückliegenden viereinhalb Jahrzehnten stark geprägt. Sein Lebenslauf ist bemerkenswert: Bis 1990, bis zu seinem 50. Lebensjahr, hat er selbst gespielt. In Frankfurt und Bremen war er aktiv, aber auch in England und Alaska. Er wurde Nationalspieler, arbeitete als Trainer in der Bundesliga bei Ricklingen 08 und zwischenzeitlich sogar als Coach der U19-Nationalmannschaft. Von 1990 bis 2007 war er zudem Lehrwart im Deutschen Rugby-Verband (DRV). Heute hat Hünerkoch im vor zwei Jahren gegründeten Rugbyverband Bremen den Posten des Landeslehrwartes inne und betätigt sich als Autor von Fachbüchern. Darüber hinaus gibt er bei den Regionalligisten Bremen 1860 und Union 60 noch sein Wissen als Trainer für Spezialpositionen weiter.

"Meine Frau hat mich immer gewähren lassen", schmunzelt Bernd Hünerkoch, der mit 24 Jahren "eigentlich zu spät" zum Rugby gekommen ist. Dass der späte Einstieg dennoch glückte, lag indes auch an der guten körperlichen Verfassung des Bremers. Bei der BTG (heute BTS) Neustadt hat er Handball und Fußball gespielt, zudem war er als Leichtathlet (Sprint, Weitsprung, Mehrkampf) recht erfolgreich. Hünerkoch war robust und vor allem eines: schnell - sehr schnell sogar. "Das körperbetonte Spiel kam mir dabei sehr entgegen", sagt der 68-Jährige. "Ich war eher der Typ Höttges, weniger ein Diego."

Was genau für ihn den Reiz an der Sportart ausgemacht hat, vermag er so konkret gar nicht zu sagen, geht aber auf jeden Fall über das rein Sportliche weit hinaus. "Die dritte Halbzeit ist beim Rugby ganz besonders wichtig", betont Hünerkoch. "Biertrinken ist dabei, aber es wird auch sehr viel gesungen. Es gibt sogar eine richtige Kultur von Rugby-Liedern."

Nach seiner Premierensaison bei Dudley Kingswinford RFC in England kehrte "Höttges" Hünerkoch mit einem großen Repertoire an Rugby-Songs an seinen Studienort nach Mainz zurück und schloss sich umgehend dem Rugbyteam der Frankfurter Eintracht an, mit dem er 1965 Deutscher Vizemeister wurde.

Ein Jahr später dann der sportliche Höhepunkt: Bernd Hünerkoch bestreitet sein erstes - und einziges - Länderspiel. Im kleinen Stadion im Riederwald, dem Trainingsplatz der Frankfurter Fußballer, trifft die deutsche Rugbyauswahl auf Belgien. Lediglich ein paar Freunde, Bekannte und einige wenige Enthusiasten säumen damals das Spielfeld. "Rugby war noch eine Exotensportart", so Hünerkoch, der ein Jahr später nach Bremen zurückkehrte und damit auch wieder aus dem Blickfeld der Nationalmannschaft verschwand.

Den Exotensport populärer zu machen, das war und ist für Bernd Hünerkoch eine ganz wesentliche Aufgabe. Als Bremer Lehrwart geht er zurzeit auch regelmäßig in die Schulen, leitet Sportstunden, gibt Kurse, "damit Rugby bekannt wird - darauf kommt es an. Wenn sich dann noch jemand einem Verein anschließt, ist das ein schöner Bonus", betont Hünerkoch. Als Lehrer für Englisch und Sport hat er selbst am Gymnasium Huckelriede gearbeitet und dort eine Schulmannschaft aufgebaut, die 1996 sogar Deutscher Meister wurde.

"Mit dem Kern dieser ehemaligen Schülermannschaft gründe ich gerade ein Altherrenteam", schildert Hünerkoch, der sich überdies freut, dass sich Rugby in Bremen derzeit zu einem Trendsport entwickelt. "Früher haben Klaus Kusch und ich die Rugbyszene in Bremen allein organisiert. Heute sind mit Matthias Hill bei 1860 und Spencer Ryan bei Union zwei Leute da, die jeweils einen guten Mitarbeiterstab haben. Seither geht’s aufwärts. Der Zulauf ist da, immerhin spielen hier nun schon fünf Mannschaften. Und bei Union 60 haben wir sogar ein Frauenteam."

Dass seine Lehrarbeit Früchte trägt, ist für ihn dabei stets der größte Lohn gewesen. Als Bernd Hünerkoch 1990 den vakanten Posten des Bundeslehrwartes übernahm, gab es in Deutschland lediglich zwei A-Lizenz-Trainer. Der in Huchting heimische Familienvater (zwei Töchter) überarbeitete die Ausbildungsordnung, konzipierte Lehrgänge. "Das war ein irrsinniger Haufen Arbeit. Aber inzwischen haben wir knapp 50 A-Trainer", sagt Hünerkoch.

Stolz sein darf der "Unruheständler" aber auch auf seine Lehrbücher, die in der Szene stets ein positives Echo fanden. Seit 1978 hat er Artikel in verschiedenen Fachzeitschriften veröffentlicht und diverse Bücher zu Themen wie "Rugby in der Schule" und Vereinstraining im Rugby" geschrieben. Eine große Reihe, die er 1990 begann, beschäftigt Bernd Hünerkoch indes heute noch. "Vom Mini-Rugby zum großen Spiel" heißt die Serie, "die mein Lebenswerk werden soll", so der 68-Jährige. Nach Anfängerschulung und Grundlagentraining ist Hünerkoch über das Leistungstraining inzwischen bei den Spielpositionen angekommen. "Es gibt zehn Hauptpositionen, bei Position zwei bin ich zurzeit - da habe ich in der Zukunft noch viel zu schreiben", lächelt der ehemalige Gymnasiallehrer, der sich zudem als großer Sammler in Sachen Rugbyutensilien outet.

"Ich sammle einfach alles: Englische und französische Fachbücher ebenso wie Schlipse, Mützen, Tassen, Bierdeckel, Gläser, Filme und und und." Dinge, die Bernd Hünerkoch in seinem Domizil, mit einem Schild an der Hauswand auch als "Rugby Road" betitelt, in einem extra Zimmer aufbewahrt. Inzwischen sei die Kapazität aber erschöpft, "meine Frau hat mich darauf hingewiesen, dass für weitere Sammlerstücke kein Platz mehr da ist".

Platz ist aber nach wie vor vorhanden für die Pflege der Freundschaften, die er durch seinen Sport in vielen Ländern und auf mehreren Kontinenten geschlossen hat. Als Gründungsvater des Sportaustausches Bremen - Dudley, der seit 1972 läuft und inzwischen weit über den Sport hinaus geht, hat er ebenso intensive Kontakte geknüpft wie durch seine Sprachkurse im englischen Brighton, wo er als Referendar regelmäßig Ferienjobs übernahm und als Gastspieler bei Brighton & Hove RFC auch dem ovalen Ball nachjagte.

Ungemein prägend war für Bernd Hünerkoch aber auch der einjährige Aufenthalt als Austauschlehrer in Alaska 1983/84. "Eigentlich wollte ich ja nach Hawaii - aber da wollten wohl alle hin..." Also erhielt Hünerkoch den Zuschlag für Fairbanks/Alaska. Mit Ehefrau Gudrun und den damals 14 und zehn Jahre alten Töchtern Silke und Antje zog die Familie für zwölf Monate ins Land der Extreme mit bis zu minus 40 Grad im Winter und bis zu plus 40 Grad im Sommer. "Ein tolles Erlebnis", schwärmt Bernd Hünerkoch noch heute. "Man tauscht für ein Jahr das Haus, die Arbeit, die Freunde - ja sogar die Eltern." Wodurch zugleich eine intensive Freundschaft entstand, die der 68-Jährige immer noch pflegt. Zuletzt war Hünerkoch im vergangenen Jahr in Alaska.

Dass er dort seinerzeit als Spielertrainer bei Sundawgs RFC Fairbanks auch Rugby spielte, überrascht an dieser Stelle nicht. "In einer Region so groß wie Westeuropa haben sechs Mannschaften in der höchsten Liga gespielt", schildert der Huchtinger. 500 Kilometer waren es bis zu den vier Klubs in Anchorage, der mit Abstand größten Stadt Alaskas, gar über 1000 bis zum kleinen Fischerstädtchen Homer. "Mit dem Auto zieht sich das ganz schön hin", lächelt Hünerkoch, der als Spieler 1985 noch einmal nach Alaska flog, um dort beim Welttreffen der Rugbysenioren für die Alaska-Auswahl aufzulaufen.

"Es ist schön, überall auf der Welt Rugby-Freunde zu haben", sagt der 68-Jährige. Freunde, die ihm bei großen Anlässen Unterschlupf gewähren. Etwa bei der Weltmeisterschaft 2003 in Sydney (Australien) oder bei der 2011 in Neuseeland stattfindenden WM, "denn da will ich auch hin!". Nicht ganz so weit geht die Reise in diesem Sommer, wenn er zu einem ganz besonderen Anlass nach Südafrika fliegt, wo seine älteste Tochter Silke heute lebt. "Alle vier Jahre formiert sich eine Auswahlmannschaft der britischen Inseln und spielt dann gegen die Nationalmannschaft Südafri